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Aufzeichnungen eines
Gesprächs mit Ernst Tinner
"Zuweilen treibt es mich aus der Leinwand
hinaus"
Was bedeutet denn eine leere Leinwand
für dich - schreckt sie dich, macht sie dir Angst, oder lockt sie dich, treibt es dich
deswegen hinaus, wie du sagst?
Es ist immer beides, Verlockung und Furcht, die Leere bannt einen - dieses
Gebanntsein ist unheimlich spannend - nimmt mich völlig gefangen... ich möchte das
Gefühl noch steigern...das ist wahrscheinlich ein Grund für mein Bedürfnis Behältnisse
zu machen - die Leere sogar in die dritte Dimension zu steigern; also, ich arbeite ja bei
den Schrankobjekten nicht nur auf den Flächen, sondern auch im Raum - ich verwirkliche
Raum - Aussen - und Innenraum.
Weshalb betonst du
das so - Aussen- und Innenraum ?
Ja,
das scheint mir unheimlich wichtig. das Äussere ist das Sichtbare, was auf die Sinne, das
Auge z.B. wirkt, aber das Wesentliche ist das Innere, das Verborgene. Ich habe einmal eine
Arbeit über die Bündner Heilige "Sontga Margriata" gemacht. Diese Heilige hat
eine ganz sonderbare Legende, und wenn man den katholischen Firnis abkratzt, kommt eine
alte heidnische Fruchtbarkeitsgöttin zum Vorschein. Das ist mein zweiter Zugang und
vielleicht der entscheidende zu den "Behältnissen". Ich stellte mir eine Figur,
eine Christliche Heiligenfigur vor, die man öffnen kann und darin steckt dann die alte
Göttin.
Am Anfang dachte ich, du machst "moderne
Brauchtumsschränke", also, weisst du, was ich meine, du nimmst die alte Tradition
der bemalten Schränke auf - siehst du das nicht so?
Nein,
überhaupt nicht, obwohl ich auch schon antike Schränke modern bemalt habe, da hat mich
mehr der Reiz des Gegensatzes fasziniert.
Es geht mir gar nicht darum, einen Gebrauchsgegenstand zu schmücken, es steht nie die
Funktion im Vordergrund.
In der Bauhaus - Bewegung versuchte man aus der Funktion die bestmöglichste Form
abzuleiten - Funktionalität, Effizienz heissen die Schlagwörter dazu - das lässt mich
völlig kalt, interessiert mich gar nicht.
Mich beschäftigen die Formen als solche und ihre oft geradezu archaischen Inhalte: Was
bedeutet eine Säule, eine Halbsäule, was sagt mir der Wechsel von konvex und konkav?
Was passiert, wenn ich so ein Behältnis öffne - es könnte eine Aufschlüsselung durch
Aufschliessen geben, durch die Aufschliessung könnte man zu den ursprünglichen
Bedeutungen zurückkehren - die Ursymbole neu verstehen lernen. Diesen Dingen will ich
nachgehen. Allein das Hochformat ist schon spannend, es hat mich immer wieder angezogen,
fast zu den "archaischen Steinhaufen" geführt, da kommen ganze Welten von
innerern Bildern, Erinnerungsbildern der Menschheitsgeschichte auf mich zu ...
Hochformat ( ich assoziiere jetzt einfach einmal ), das symbolisiert vielleicht eine
entscheidende Wendung, der aufrechte Gang bewirkte eine neue Sehweise, damit andere
Erkenntnis, den Sündenfall wohl auch, das geht ins Mystische, ins Mythologische.
Dann die Baumkulte, da haben die Menschen das Aufstrebende, Himmelsgerichtete
verehrt - der Baumstamm als die Urerfahrung der Säule hat immer auch etwas mit Herrschaft
zu tun, und die Krone, als ergänzender Gegensatz, mit dem Schützenden, Bergenden, dem
Körperhaften; jedes Kind kennt das, wenn es sich schon mal in einer Baumkrone versteckt
hat.
Der Bedeutung der Form an sich nachzuspüren, hat in unserem Jahrhundert bereits
Tradition, ich denke da an Marcel Duchamps und seine Ready Mades -
Wie hältst du es mit dieser
Tradition?
Falls ich Duchamps, in einem Teil seines Werkes - nicht in allen - richtig
verstanden habe, hat er die Ready Mades "nur" insofern verändert, als er sie in
einer neuen, der Funktionalität entkleideten Weise zeigt, und damit auf die reine Form
und ihre Ästhetik hinweist. Ich gehe hier eigentlich einen andern Weg, ich forme selbst -
mir reichen die Idee und die Erkentnis nicht, ich will auch noch "machen", will
meine Hände brauchen, wenn du so willst, nicht nur die Augen und den Kopf.
Siehst du deine Objekte in der Richtung des Gesamtkunstwerkes?
Ich
weiss nicht so recht, habe jedoch das Gefühl, dass der Begriff etwas "schräg"
zu meiner Arbeit liegt. Geprägt hat ihn schliesslich Richard Wagner, von ihm selbst habe
ich keine Zeile zu diesem Thema gelesen, er wird wohl an das Zusammenspiel von Musik,
Sprache, Bühnenbild etc. gedacht haben. Davon bin ich weit entfernt und strebe nichts
dergleichen an: Aber die starre Einteilung der Bildenden Kunst in Malerei, Plastik,
Architektur, die vorschreibt, dass ein Werk entweder das eine oder das andere zu sein
habe, will ich grad auch nicht.
Ich möchte als schaffender Mensch meine eigenen Möglichkeiten:, die Sinne, den Verstand,
die Hände und dazu die formalen Optionen: Malerei und Plastik, gebrauchen wie ich will.
So frei, wie es nur geht.
Aber wie frei bist du denn
wirklich, hast du nicht eigentlich vorher gesagt, jede Form trage eine Bedeutung, habe
quasi einen Symbolwert in sich?
Ja, genauso sehe ich es, und genau das ist das Spannende daran, ich benutze eine
Form, wie z.B. diese hohe Halbsäule, verändere sie, "spiele" damit, versehe
sie mit Türen...
man denke nur einmal, was eine Türe ist, die Möglichkeit des Ein- und Ausgangs, des
Abschlusses, des Verbergens, des Geheimen, aber auch des Öffnens, welche Bedeutung das in
unserem Leben hat...
also, ich benutze eine Form und die verschiedensten Bedeutungen drängen sich mir auf, das
ist oft unheimlich viel...
So lass es doch heraus...
Ich
bringe meine Möbelskulpturen auch stark mit männlichen und weiblichen Formen in
Verbindung. Wenn die Skulptur geschlossen ist, hat sie etwas Phallisches für mich und
geöffnet - also das Auftun ist doch weiblich... Aber da kann jeder selber nachspüren...
Ich meine, das sei nicht an den Haaren herbeigezogen, als Mensch kann man ja gar nicht
anders, als Bedeutung zu suchen und zu finden, das ist ein Grundbedürfnis, diese
ständige Auseinandersetzung mit dem, was einen umgibt. Man verbindet doch immerfort
Neues, Unbekanntes mit dem schon Bekannten. Der Versuch zu verstehen ist auch ein Versuch
zu bestehen in dieser Welt.
Frank
Lloyd Wright, ein amerikanischer Architekt, sagte einmal: Der Mensch schafft seine
Umgebung und seine Umgebung schafft ihn.
So sind und werden "meine" Möbelobjekte oft das Andere, das was mich als
"Gegenstand" anspricht und herausfordert, und das sollen sie auch für ihre
künftigen Besitzer sein.
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